· 

Essen

Ich kann nicht. Wirklich. Das geht nicht. Da allein hinzuschauen, keine Ahnung, wie man über so was hinwegkommen soll. Ich traue mich kaum noch aus dem Haus. Weil, es passiert überall. Die Leute – essen! Überall! 

 

Ich meine, bisher konnte ich wenigstens die Restaurants meiden. Der Sache so einigermaßen aus dem Weg gehen. Aber heute? Alles to go. Entsetzlich. Unerträglich. Mir wird regelmäßig speiübel. Zuletzt begann mein Spießrutenlauf an der Bushaltestelle. Ich warte, sehe mich um, ahnungslos, da drückt eine Frau, direkt neben mir, das muss man sich mal vorstellen, diese Unverfrorenheit, eine Tafel Schokolade aus der Zellophan-Verpackung. Nussschokolade!

 

Lackierte Fingernägel, lange, dünne, in zartem Rosé, tasten, fummeln, dümmliches Grienen im pockennarbig überschminkten Gesicht, und los gehts: Sie beißt hinein, frisst genüsslich Reihe für Reihe ab, einfach so. Keiner hält sie auf! Verschmierter Mund, braune Zähne, schmatzen, kauen, widerlich.

 

Ein paar Schritte weiter, auf meiner Flucht, ein Jugendlicher in einem Hauseingang. Laute Musik aus den Kopfhörern, chinesische Nudeln aus dem Karton, der Geruch, ich würge. Er saugt, schlabbert, schlingt, mehr Tier als Mensch, kaut nicht mal.

 

Später im Kino dann, Nachmittagsvorstellung, Popcorn, Gummitier, Nachos in Käsetunke, die Gänge auf und ab, rascheln, knuspern, grunzen. Ein Horrorfilm, der beständig abseits der Leinwand läuft!

 

Selbst dieses hübsche Mädchen am Obststand auf dem Wochenmarkt, so ein fein geschnittenes Gesicht, fast aristokratische Züge, lutscht an Feigen, die schon halb hinüber waren. Schlanke Finger kleben, schmierig – schlürf, schlürf, schlürf – tropf, tropf, tropf – igitt! Etwas von dem Fruchtfleisch hängt ihr auf der Wange, es dreht mir die Gedärme um, ich schwanke zu einem Stand für Autopolitur hinüber, meine Sinne optisch zu sammeln und zu beruhigen.

 

Fakt ist: Allerorts beißen, kauen, reißen sie. Nagen, fressen, schmatzen. Nein. Nein, bitte! Hört auf damit! Könnt ihr es denn nicht sehen? Wie ihr beim Essen ausschaut? Mund zu! Darauf bestehe ich: Fressverbot in allen Gassen! Und für jeden Mann und jede Frau ab sofort den Einzeltisch. Gesicht zur Wand gedreht! Dann wird alles gut. Es wird endlich gut. Ruhe. Schönheit. Eleganz. Weltfrieden. Ganz sicher. Mit Sicherheit sogar. Danke.

Download
Download | MINILOG | Essen
Lizenzfreier Monolog im Kurzformat.
MinilogEssen.txt
Text Dokument 2.3 KB

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Daniela (Sonntag, 30 Oktober 2022 11:33)

    Sehr witzig geschrieben! Bitte mehr davon – vor allem für Frauen!!! Ich bin immer auf der Suche nach guten Monologen.

  • #2

    D#S (Sonntag, 20 November 2022 13:19)

    Na dann, guten Hunger!
    Liebe Grüße
    Daniel

Link zu den Minilogen


Lektorat Stephan Eckel: Camilla Winterroth www.camilla-liest.de